Sexuelle Probleme verstehen: was das Modell Sexocorporel sichtbar macht

Bindung, Körper und Erregung: ein Zugang für die Paar- und Einzeltherapie.

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Kurzantwort: Sexuelle Schwierigkeiten wie Lustlosigkeit, Erektionsstörungen, vorzeitiger Samenerguss oder Orgasmusprobleme lassen sich mit zwei Modellen erschliessen, die einander ergänzen. Die Bindungsperspektive der Emotionsfokussierten Therapie erklärt, unter welchen Beziehungsbedingungen sexuelles Erleben möglich wird. Das Modell Sexocorporel, entwickelt von Jean-Yves Desjardins (1931–2011) an der Universität Québec in Montréal, erklärt, wie eine Person Erregung körperlich herstellt – über Bewegung, Rhythmus und Muskeltonus. Das dabei zentrale Konzept ist der Erregungsmodus.

Es gibt in der Paartherapie einen Moment, den viele Fachpersonen kennen. Das Paar hat gute Fortschritte gemacht, die Streitmuster sind ruhiger, die Gespräche gehen tiefer. Dann sagt jemand: «Und im Bett ist es immer noch, wie es war.» Und im Raum entsteht eine Verlegenheit, die nicht nur beim Paar liegt.

Sexualität ist in der Psychotherapieausbildung unterbelichtet. Das führt dazu, dass sexuelle Anliegen entweder überhört oder vorschnell weiterverwiesen werden, obwohl sie oft genau dorthin gehören, wo das Paar bereits sitzt.

Warum Technik allein selten reicht

Sandra Leiblum stellte in der Einleitung zur vierten Auflage von Principles and Practice of Sex Therapy fest, die Verbreitung oraler Medikamente habe sichtbar gemacht, dass die Behandlung der Genitalien allein kaum zu langfristigem Erfolg führt. Der Beziehungskontext sei entscheidend (zitiert nach Johnson & Zuccarini, 2010).

Eine britische Untersuchung hatte das früher belegt. Keith Hawton und Kolleg:innen begleiteten 36 Paare, die wegen einer Erektionsstörung des Mannes in Sexualtherapie kamen. 69,4 Prozent erreichten ein positives Behandlungsergebnis. Ausschlaggebend waren die Kommunikation des Paares vor Behandlungsbeginn, die allgemeine sexuelle Anpassung und besonders Interesse und Freude der Partnerin an Sexualität (Hawton, Catalan & Fagg, 1992).

Wer also nur die Technik behandelt, behandelt eine Variable von mehreren, und meist nicht die, die den Ausschlag gibt.

Die Bindungsperspektive

Susan Johnson und Dino Zuccarini haben sexuelle Funktionsfähigkeit in den Kontext der Liebe als Bindungsbeziehung gestellt. Ihr Ausgangspunkt: Bindungssicherheit erlaubt es, sich im Sex fallenzulassen, Wünsche zu äussern, verletzlich zu sein und Fehlschläge zu überstehen, ohne dass daraus ein Beziehungsproblem wird (Johnson & Zuccarini, 2010).

Bei ausgeprägter Bindungsangst dient Sexualität häufig der Rückversicherung. Nähe wird über den Körper gesucht, weil sie emotional nicht verlässlich verfügbar scheint. Erregung und Erleben stehen unter Beobachtung: Bin ich gut genug, bleibt sie, will er mich noch. Diese Selbstbeobachtung stört den Erregungsaufbau zuverlässig.

Bei ausgeprägter Bindungsvermeidung wird Sexualität von emotionaler Nähe entkoppelt. Sie kann funktionieren, solange sie nichts bedeutet, und aussetzen, sobald sie es tut. Was von aussen wie Desinteresse aussieht, ist häufig Schutz.

Diese Lesart erklärt eine Beobachtung, die viele Therapeut:innen machen: Dass sexuelle Probleme sich manchmal auflösen, sobald sich die emotionale Sicherheit verbessert, und manchmal eben nicht.

Sexocorporel: was der Körper gelernt hat

Für die Fälle, in denen sie es nicht tun, braucht es einen zweiten Zugang.

Jean-Yves Desjardins (1931–2011) war Psychologe und klinischer Sexologe und von 1968 bis 1988 Professor am Département de sexologie der Universität Québec in Montréal, dem weltweit ersten sexologischen Institut. Ab den 1970er-Jahren entwickelte er den Ansatz, den er 1986 erstmals als «approche sexo-corporelle» publizierte (Desjardins, 1986) und zehn Jahre später als integratives Modell ausarbeitete (Desjardins, 1996). Im deutschsprachigen Raum wird das Modell unter anderem am ISP Zürich gelehrt.

Der Grundgedanke: Sexualität ist eine erlernte körperliche Kompetenz. Erregung entsteht nicht einfach, sie wird vom Körper hergestellt, über Muskeltonus, Atmung, Bewegung, Rhythmus und Beckenbeteiligung. Wie jemand das tut, wird früh gelernt und bleibt oft über Jahrzehnte unverändert, auch wenn Partner, Lebensphase und Wünsche wechseln.

Was das Modell anders macht

Sexocorporel ordnet das, was im sexuellen Erleben zusammenwirkt, in vier Gruppen: körperliche, sexodynamische, kognitive und Beziehungskomponenten (Chatton, Desjardins, Desjardins & Tremblay, 2005). Ungewöhnlich daran ist die Reihenfolge. Die körperliche Gruppe wird nicht ans Ende gestellt, sondern zuerst erhoben.

Dazu gehört der Begriff, der das Modell klinisch nützlich macht: der Erregungsmodus. Gemeint ist das habituelle Muster, mit dem eine Person Erregung körperlich steigert, beschrieben über Bewegung, Rhythmus und Muskeltonus. Das Modell unterscheidet mehrere solcher Muster und beschreibt, welche Schwierigkeiten aus welchem Muster typischerweise folgen.

Der praktische Ertrag lässt sich in einem Satz sagen: Wer Erregung ausschliesslich über hohe Anspannung und wenig Bewegung herstellt, kommt schnell an einen Punkt hoher Intensität und geringer Steuerbarkeit. Für die Betroffenen sieht das nach einem Problem mit dem Orgasmus oder der Ausdauer aus. Aus Sicht des Modells ist es ein Problem des Erregungsaufbaus, und daran lässt sich üben.

Ein Modus ist eine Gewohnheit, kein Defizit. Gewohnheiten lassen sich erweitern. Das ist der Grund, weshalb der Ansatz mit Übungen arbeitet und nicht mit Deutungen.

Vier Bilder aus der Praxis

AnliegenBindungsbezogene LesartSexocorporel-LesartErste Frage in der Sitzung
ErektionsstörungVersagensangst, Selbstbeobachtung, Angst vor der Reaktion der PartnerinErregungsaufbau über hohen Tonus und angehaltenen Atem, Fokus auf Leistung«Woran merken Sie zuerst, dass Sie erregt sind?»
Vorzeitiger Samenergussschwer aushaltbare Nähe, Drang, den Zustand zu beendenhohe Grundspannung, steile Erregungskurve, kaum Wahrnehmung von Zwischenstufen«Was passiert in Ihrem Körper kurz davor?»
Orgasmusschwierigkeiten bei der FrauKontrollbedürfnis, Sorge, sich zu zeigenenger Bewegungsradius, geringe Beckenbeteiligung, wenig Rhythmus«Bewegen Sie sich dabei, oder halten Sie still?»
Mangelnde Lust bei der FrauSexualität als Pflicht in einem Kreislauf aus Fordern und ZurückziehenErregung wird selten selbst hergestellt, Lust und Erregung sind nicht verknüpft«Wann hatten Sie zuletzt Lust auf sich selbst?»

Die Spalten stehen nicht im Wettbewerb. Die Arbeit wird dort präzise, wo beide gelesen werden.

Was belegt ist und was nicht

Sexocorporel ist ein klinisch entwickeltes Modell. Seine Kategorien stammen aus Laborbeobachtung und aus den Schilderungen zahlreicher Klient:innen, nicht aus kontrollierten Studien. Eine randomisierte Wirksamkeitsstudie zum Modell als Ganzem liegt nicht vor. Damit unterscheidet es sich nicht von den meisten sexualtherapeutischen Ansätzen, festzuhalten ist es dennoch.

Zwei empirische Befunde stützen zentrale Annahmen:

Zur Ejakulationskontrolle. François de Carufel und Gilles Trudel verglichen drei Gruppen von Paaren, bei denen der Mann unter vorzeitigem Samenerguss litt: eine funktionell-sexologische Behandlung, eine verhaltenstherapeutische Behandlung mit Squeeze- und Stop-Start-Technik, und eine Warteliste. Gemessen wurde vor und nach der Behandlung sowie nach drei Monaten, neben Fragebogen auch die Dauer vom Eindringen bis zur Ejakulation. Die funktionell-sexologische Behandlung führte zu signifikanten Verbesserungen bei Dauer, sexueller Zufriedenheit und sexueller Funktionsfähigkeit (de Carufel & Trudel, 2006).

Zur Bedeutung der Bewegung. Annette Bischof-Campbell, Peter Hilpert, Andrea Burri und Karoline Bischof untersuchten an 1’239 Frauen zwei Stimulationstechniken beim Geschlechtsverkehr: schwingende Vor- und Rückbewegungen von Becken und Rumpf gegenüber präzisem Reiben der Klitoris bei unbewegtem Körper. Körperbewegung war mit häufigeren Orgasmen verbunden, das Reiben bei unbewegtem Körper nicht (Bischof-Campbell et al., 2019). Das ist die bislang deutlichste unabhängige Bestätigung dafür, dass die Art der Bewegung das sexuelle Erleben mitbestimmt.

Karoline Bischof hat die physiologischen Bezüge des Modells zu gesichertem Wissen über Muskeltonus, Atmung, vegetatives Nervensystem und Vasokongestion zusammengetragen (Bischof, 2020).

Seit 2024 liegt mit «Grundlagen des Sexocorporel» erstmals eine deutschsprachige Gesamtdarstellung vor. Der Band von 298 Seiten enthält Übersetzungen zentraler Texte von Desjardins sowie Beiträge zur Anwendung in Beratung, Therapie und sexueller Bildung (Voß & Stumpe, 2024).

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Über Sexualität sprechen lernen

Die häufigste Hürde liegt nicht beim Paar. Sie liegt bei der Fachperson, die nicht gelernt hat, ohne Umschweife und ohne Beschämung zu fragen.

Wer nach dem Erregungsmodus fragt, fragt nach etwas Konkretem und Beobachtbarem: nach Atmung, Bewegung, Rhythmus, Tonus. Diese Konkretheit entlastet das Gespräch spürbar. Sie verschiebt es von der Frage «Was stimmt nicht mit mir?» zur Frage «Wie funktioniert das bei mir, und was liesse sich anders üben?».

Häufig gestellte Fragen

Was ist Sexocorporel?

Was ist ein Erregungsmodus?

Gehören sexuelle Probleme in die Paartherapie oder in die Sexualtherapie?

Ist Sexocorporel wissenschaftlich belegt?

Brauche ich EFT-Vorkenntnisse für diese Weiterbildung?

«Sexuelle Probleme verstehen»: der Workshop

Der Workshop EFT und Sexualität ist zugleich eine Einführung in das Modell Sexocorporel. Vermittelt wird, wie sexuelle Gesundheit im Zusammenspiel von körperlichen, kognitiven, emotionalen und interaktionellen Komponenten entsteht und wie sich daraus Hypothesen über den Ursprung eines Anliegens ableiten lassen.

Konkret wird das an vier Fallbeispielen: Erektionsstörung, vorzeitiger Samenerguss beim Mann, Orgasmusschwierigkeiten bei der Frau, mangelnde Lust bei der Frau. Eigene Fälle sind willkommen, aber nicht nötig. Der Kurs richtet sich an Fachpersonen im Einzel- und Paarsetting, unabhängig vom methodischen Hintergrund.

Danach fällt sowohl das Wissen über Sexualität als auch das Sprechen darüber leichter. Vermittelt werden ausserdem einfache Übungen und Interventionen für die eigene Praxis.

Nächste Durchführungen

Oktober 2026

Juni 2027

Juli 2027

Termine, Preis und Anmeldung zu «Sexuelle Probleme verstehen»

Weitere Vertiefungen finden Sie unter EFT Weiterbildungen; den Einstieg in die Methode bietet das EFT Externship. Wer das Modell Sexocorporel in voller Breite kennenlernen möchte, findet am ISP Zürich den Infotag Sexocorporel sowie die Ausbildung in Sexologie und Sexualtherapie.

Ben Kneubühler, EFT-Trainer und Paartherapeut

Über den Autor

Ben Kneubühler, MSc ist Psychotherapeut FSP, klinischer Sexologe iSi und seit 2025 einer der ersten vom International Centre for Excellence in Emotionally Focused Therapy (ICEEFT) zertifizierten EFT-Trainer der Schweiz. Er ist ausserdem zertifizierter EFT-Supervisor und EFT-Paartherapeut.

Zum Modell Sexocorporel hat er im deutschsprachigen Standardwerk «Grundlagen des Sexocorporel» (Voß & Stumpe, 2024) die Einführung sowie das Kapitel zu den Anwendungen des Modells in Sexualberatung und Sexualtherapie verfasst. Er ist Institutsleiter des ISP Zürich, des Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapie, leitet die EFT-Ausbildung in der Deutschschweiz und führt Externships, Core Skills-Trainings, Supervisionen und Weiterbildungen durch. Als lizenzierter Workshopleiter bietet er Hold Me Tight-Paarseminare in Zürich, Bern und Luzern an.

Praxis: Grossmünsterplatz 6, 8001 Zürich Schwerpunkte: Sexualtherapie und Sexocorporel, Emotionsfokussierte Paartherapie, Bindungsverletzungen, ADHS Web: eft-paartherapie.ch · isp-zuerich.ch · der-psychologe.ch · holdmetight.ch


Quellen

Bischof, K. (2020). Wissenschaftliche Grundlagen des Sexocorporel. In H.-J. Voß (Hrsg.), Die deutschsprachige Sexualwissenschaft. Bestandsaufnahme und Ausblick (S. 423–445). Psychosozial-Verlag.

Bischof-Campbell, A., Hilpert, P., Burri, A., & Bischof, K. (2019). Body movement is associated with orgasm during vaginal intercourse in women. The Journal of Sex Research, 56(3), 356–366. https://doi.org/10.1080/00224499.2018.1531367

Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L., & Tremblay, M. (2005). La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies, 25(1), 3–19.

de Carufel, F., & Trudel, G. (2006). Effects of a new functional-sexological treatment for premature ejaculation. Journal of Sex & Marital Therapy, 32(2), 97–114. https://doi.org/10.1080/00926230500442292

Desjardins, J.-Y. (1986). L’approche sexo-corporelle: fondements théoriques et champs d’application. Psychothérapies, (1), 51–58.

Desjardins, J.-Y. (1996). Approche intégrative et sexocorporelle. Sexologies, 5(21), 43–48.

Desjardins, J.-Y., Chatton, D., Desjardins, L., & Tremblay, M. (2010). Le sexocorporel. La compétence érotique à la portée de tous. In La sexothérapie. Quelle thérapie choisir en sexologie clinique? (S. 63–102). De Boeck Supérieur.

Hawton, K., Catalan, J., & Fagg, J. (1992). Sex therapy for erectile dysfunction: Characteristics of couples, treatment outcome, and prognostic factors. Archives of Sexual Behavior, 21(2), 161–175. https://doi.org/10.1007/BF01542591

Johnson, S. M., & Zuccarini, D. (2010). Integrating sex and attachment in emotionally focused couple therapy. Journal of Marital and Family Therapy, 36(4), 431–445. https://doi.org/10.1111/j.1752-0606.2009.00155.x

Leiblum, S. R. (Hrsg.). (2007). Principles and practice of sex therapy (4. Aufl.). Guilford Press.

Voß, H.-J., & Stumpe, H. (Hrsg.). (2024). Grundlagen des Sexocorporel. Ein Modell für die körperorientierte Sexualberatung und Sexuelle Bildung. Psychosozial-Verlag. 298 S., ISBN 978-3-8379-3312-3. Bei Amazon ansehen (Partnerlink)

Stand: September 2026