Dr. Sue Johnson – Begründerin der Emotionsfokussierten Paartherapie

1947–2024 · Klinische Psychologin, Forscherin und Bestsellerautorin – die Frau hinter der EFT.

Wer war Sue Johnson?

Dr. Sue Johnson (1947–2024) war eine klinische Psychologin, Forscherin, Bestsellerautorin und die Hauptentwicklerin der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT). Sie gilt als eine der einflussreichsten Paartherapeutinnen der Welt und hat massgeblich dazu beigetragen, die Bindungstheorie in die Erwachsenentherapie zu integrieren. Am 23. April 2024 verstarb Sue Johnson nach dreijährigem Kampf gegen den Krebs – doch ihr Lebenswerk lebt in der weltweiten EFT-Gemeinschaft weiter.

Johnson war Distinguished Research Professor an der Alliant International University in San Diego, emeritierte Professorin für Klinische Psychologie an der University of Ottawa und Gründerin des International Centre for Excellence in Emotionally Focused Therapy (ICEEFT), das heute Therapeut:innen in über 40 Ländern ausbildet und zertifiziert.

Werdegang und Pionierarbeit

Sue Johnson wuchs in einem englischen Pub auf – eine Umgebung, die sie, wie sie selbst sagt, früh lehrte, menschliche Dramen und emotionale Dynamiken zu beobachten. Nach ihrem Studium in England zog sie nach Kanada, wo sie ihre akademische Karriere begann.

In den frühen 1980er-Jahren entwickelte sie zusammen mit Dr. Leslie Greenberg an der University of British Columbia die Grundlagen der EFT. Während Greenberg seinen Schwerpunkt auf die Einzeltherapie legte, vertiefte Johnson den paartherapeutischen Ansatz und verankerte ihn konsequent in der Bindungstheorie von John Bowlby.

Ihre bahnbrechende Einsicht: Die meisten Beziehungskonflikte sind keine Kommunikationsprobleme, sondern Ausdruck von Bindungsangst – der Angst, die emotionale Verbindung zum Partner oder zur Partnerin zu verlieren. Diese Erkenntnis revolutionierte die Paartherapie und machte EFT zu einem der am besten erforschten Therapieansätze weltweit.

Johnsons Beitrag zur Bindungstheorie

Vor Sue Johnsons Arbeit wurde die Bindungstheorie hauptsächlich auf die Mutter-Kind-Beziehung angewandt. Johnson war eine der Ersten, die erkannte, dass erwachsene Liebesbeziehungen ebenfalls Bindungsbeziehungen sind – mit denselben grundlegenden Bedürfnissen nach Sicherheit, Nähe und emotionaler Erreichbarkeit.

Sie identifizierte die drei zentralen Fragen, die jede Liebesbeziehung bestimmen:

  • «Bist du für mich da?» – Kann ich mich auf dich verlassen?
  • «Werde ich dir wichtig sein?» – Bin ich dir genug?
  • «Wirst du auf mich eingehen, wenn ich dich brauche?» – Bist du emotional erreichbar?

Wenn diese Fragen nicht sicher beantwortet werden können, entstehen die typischen negativen Kreisläufe – einer kritisiert und fordert ein (Pursue), der andere zieht sich zurück und schweigt (Withdraw). Johnson zeigte, dass hinter beiden Verhaltensweisen dasselbe Grundgefühl steckt: die Angst, die Verbindung zu verlieren.

Forschung und Wirksamkeit

Sue Johnson hat die EFT nicht nur entwickelt, sondern auch systematisch erforscht. Sie ist Autorin oder Co-Autorin von über 100 wissenschaftlichen Publikationen und hat damit die empirische Grundlage geschaffen, die EFT von vielen anderen Therapieansätzen unterscheidet.

Zentrale Forschungsergebnisse unter ihrer Leitung:

  • 70–75 % der Paare überwinden ihre Beziehungskrise durch EFT vollständig
  • Bis zu 90 % erreichen signifikante Verbesserungen
  • Die Ergebnisse sind langfristig stabil – in Follow-up-Studien zeigten Paare sogar weitere Verbesserungen nach Therapieende
  • EFT wirkt auch bei stark belasteten Paaren – etwa bei Trauma, Depression oder chronischer Krankheit
  • Neurowissenschaftliche Studien (fMRI) zeigen: Eine sichere Bindung durch EFT wirkt als biologischer Stressregulator

Johnson entwickelte zudem das Konzept der Bindungsverletzung (Attachment Injury) – ein einzelnes Ereignis, bei dem ein Partner in einem kritischen Moment nicht da war – und einen spezifischen therapeutischen Prozess, um solche tiefen Wunden zu heilen.

Bücher und Veröffentlichungen

Sue Johnson hat mehrere Bestseller geschrieben, die sowohl für Fachpersonen als auch für Paare richtungsweisend sind:

  • «Hold Me Tight» (Halt mich fest) – Ihr bekanntestes Buch, das EFT für ein breites Publikum zugänglich macht. Es beschreibt sieben Gespräche, die Paare führen können, um ihre Bindung zu stärken. Ein internationaler Bestseller, übersetzt in über 30 Sprachen.
  • «The Practice of Emotionally Focused Couple Therapy» – Das Standardwerk für EFT-Therapeut:innen, das den therapeutischen Prozess in Theorie und Praxis detailliert beschreibt.
  • «Love Sense» – Ein wissenschaftlich fundiertes Buch über die Biologie und Psychologie der Liebe, das Johnsons bindungstheoretische Perspektive für Laien aufbereitet.
  • «Attachment Theory in Practice: EFT with Individuals, Couples, and Families» – Ihr neueres Werk, das die Anwendung der Bindungstheorie auf Einzel-, Paar- und Familientherapie zusammenführt.
  • «Created for Connection» – Eine auf christliche Paare zugeschnittene Version von «Hold Me Tight», co-verfasst mit Kenneth Sanderfer.

Weitere Buchempfehlungen zu EFT finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

ICEEFT und weltweite Verbreitung

1998 gründete Sue Johnson das International Centre for Excellence in Emotionally Focused Therapy (ICEEFT) mit Sitz in Ottawa, Kanada. Das Zentrum koordiniert heute:

  • Die Ausbildung und Zertifizierung von EFT-Therapeut:innen weltweit
  • Ein Netzwerk von über 75 anerkannten Ausbildungszentren in mehr als 40 Ländern
  • Forschungsförderung und Qualitätssicherung
  • Die Weiterentwicklung des EFT-Modells

Unter Johnsons Führung wurde EFT von der American Psychological Association (APA) als empirisch validierter Therapieansatz anerkannt. Heute ist EFT einer der drei am häufigsten praktizierten Paartherapie-Ansätze weltweit.

Über die Paartherapie hinaus

In den letzten Jahren hat Sue Johnson das EFT-Modell über die Paartherapie hinaus erweitert:

  • EFIT – Emotionsfokussierte Einzeltherapie: Überträgt die bindungsbasierten Prinzipien auf die Arbeit mit Einzelpersonen – bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgen und Beziehungsproblemen. Mehr dazu beim Kurs EFIT Essentials.
  • EFFT – Emotionsfokussierte Familientherapie: Stärkt die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern über alle Lebensphasen hinweg.
  • Hold Me Tight Programme: Psychoedukative Workshops für Paare, die auf dem gleichnamigen Buch basieren. In der Schweiz werden diese Workshops regelmässig in Zürich, Bern und Luzern durchgeführt.

Johnson betont: «Wir sind nicht dazu bestimmt, allein durch das Leben zu gehen. Emotionale Bindung ist kein Luxus – sie ist ein biologisches Grundbedürfnis.»

Auszeichnungen und Ehrungen

  • Order of Canada (2018) – Kanadas höchste zivile Auszeichnung, verliehen für ihre Beiträge zur Psychologie und Paartherapie
  • Mehrfache Auszeichnungen der American Psychological Association (APA)
  • Distinguished Contribution Award der American Association for Marriage and Family Therapy (AAMFT)
  • Aufnahme in die «Psychotherapy Networker»-Liste der einflussreichsten Psychotherapeut:innen
  • Ehrendoktorwürden und internationale Forschungspreise

In Erinnerung: 1947–2024

Am 23. April 2024 verstarb Dr. Sue Johnson im Alter von 76 Jahren nach dreijährigem Kampf gegen den Krebs. Ihr Tod hinterliess eine tiefe Lücke in der therapeutischen Gemeinschaft – und zugleich ein Vermächtnis, das weit über ihre Person hinausreicht.

Sue Johnson wurde am 19. Dezember 1947 in Kent, England, geboren und wuchs im Pub ihrer Eltern auf – eine Umgebung, die sie, wie sie selbst sagte, früh lehrte, menschliche Dramen und emotionale Dynamiken zu beobachten. Nach ihrem Studium an der University of Hull zog sie nach Vancouver, Kanada, wo sie ihren Master und anschliessend ihren Doktortitel an der University of British Columbia erwarb.

Für ihre Dissertation sichtete sie Hunderte von Stunden an Therapiesitzungen, um herauszufinden, was Paartherapie wirklich wirksam macht. Das Ergebnis dieser Arbeit wurde zum Kern der EFT – eines humanistischen und erfahrungsbasierten Therapiemodells, das heute als die Paartherapie mit den besten empirischen Ergebnissen weltweit gilt.

Johnson hinterlässt ein umfangreiches Werk: zahlreiche Bücher, über 100 wissenschaftliche Artikel, Lehrvideos, Interviews und Podcasts – sowie ihren ersten Roman, Edgar & Elouise. Ihr bekanntestes Buch «Hold Me Tight» wurde über eine Million Mal verkauft und in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Sie hinterlässt ihren Ehemann John Douglas, ihre drei Kinder Sarah, Tim und Emma, ihre Enkelin Amelie sowie unzählige Freund:innen, Kolleg:innen und Schüler:innen auf der ganzen Welt.

«Sue hat uns gelehrt, wie man liebt. Sie hat die Welt zu einem besseren Ort gemacht.»

– Aus dem Nachruf der ICEEFT-Gemeinschaft

Ihr Lebenswerk lebt weiter: in den fast 90 zertifizierten EFT-Trainer:innen, den rund 100 angeschlossenen Zentren weltweit, den Tausenden von Therapeut:innen, die nach ihrem Modell arbeiten – und in jeder Beziehung, die durch EFT geheilt wird. Auch EFT Paartherapie Schweiz führt Sue Johnsons Arbeit fort und bildet Therapeut:innen in der Schweiz in ihrem Ansatz aus.

Sue Johnson über die Kraft der Liebe (Video auf Englisch)

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